Utrecht, Juli 2006

Alfabeto Immaginario - 2006

Dick Adelaar about Paolo Sistilli    Dick Adelaar about Paolo Sistilli
Lieber Paolo,

vor kurzem erschienst du in einem meiner Träume. Lass mich erzählen, was alles geschah. Es war in einer schwülwarmen Sommernacht am Ende des 21. Jahrhunderts. Du befandst dich in einer Kathedrale, von der nur die Außenmauern noch standen. Die Szenerie erinnerte mich stark an den Film Nostalgia von Andrej Tarkovski (1932-1986). Mit drei Freunden befandst du dich an einem runden Tisch, reich gedeckt mit Speisen und Getränken. Ihr schwelgtet im Genuss des Dargebotenen und tauschtet in aller Offenheit Gedanken über die Entstehungsweisen von Gemälden aus und welche poetische Ausdruckskraft sie, so viele Jahrzehnte später, noch besaßen.

Der Bauhauskünstler Oskar Schlemmer (1888-1943) hatte einige seiner Fensterbilder (1942) mitgenommen. Osvaldo Licini (1894-1958), wie du geboren und aufgewachsen in den Marken, zeigte Landschaftsbilder von der Côte d'Azur (1917-1926) und der indonesische Modernist Ahmad Sadali (1924-1987) machte euch bekannt mit seinen lyrisch abstrakten Gemälden. Selbst hattest du drei Exemplare aus der Reihe Reliquie d'arte (2005) und einige Beispiele aus der Reihe Alphabet imaginaire (2005-2006) ausgewählt. Uber eines stimmtet ihr völlig miteinander überein, nämlich dass die Kunst imstande sei, einen Einblick zu geben in die wirklichen Beweggründe menschlichen Handelns. Bevor ich mehr darüber erfahren konnte, erwachte ich und war der Traum vorbei.

Im Katalog des Auktionshauses Christie's aus Hong Kong fand ich einige Abbildungen aus dem Werk von Ahmad Sadali. Auf den ersten Blick springt die formale Verwandtschaft ins Auge. Ihr verwendet beide regelmäßig kalligrafische Symbole, betont die Textur und setzt Akzente mit Blattgold. Im Hinblick auf diesen letzten Bestandteil gibt es aber einen deutlichen Unterschied in der zu Grunde liegenden Gedankenwelt. Der Indonesier sah es als Mittel, um seine Hingabe zu Gott zum Ausdruck zu bringen. In deinem Fall kann eine Beziehung zur Alchemie hergestellt werden, wobei versucht wird, unedele Metalle in Gold zu verwandeln. Dies ist zugleich eine Metapher für einen Prozess der Säuberung, wobei nicht nur das Säubern von Stoffen, sondern auch die Läuterung oder die Erleuchtung des menschlichen Geistes gemeint wird.

Deine neuen Gemälde verdienen es nicht nur, angeschaut, sondern auch gelesen zu werden. Unmissverständlich geht es hier um eine unbekannte Sprache, die ich, mit Hinweis auf den Gestalter, Sistillianisch nennen möchte. Ein Wörterbuch und eine Grammatik stehen (noch) nicht zur Verfügung. Es ist eine Ursprache, die nirgendwo gesprochen wird und die bis heute nur ein einziges Individuum kennt, das sie völlig beherrscht. Einerseits geht sie zurück auf den Ursprung, auf die Grundlagen der Kommunikation, andererseits erlaubt sie einen Ausblick in die Zukunft, auf neue Formen der Kommunikation.

Man könnte auch Parallelen zur Musik herstellen; ein Vergleich, der für die Gemälde aus der Serie Alphabet imaginaire mit einem blauen Hintergrund gilt. Das kühle Blau symbolisiert den Chor oder das Orchester, das warme Rot steht für den Solosänger.

Um die Produkte deiner Vorstellungsskraft in den Griff zu bekommen, reichen unsere Augen also nicht aus. Andere Organe, wie Tastsinn und Ohren, müssen mit einbezogen werden. Wenn man auf diese Weise vorgeht, wird ein breites Spektrum an Bedeutungen mühelos zugänglich gemacht.

Dick Adelaar